Häufige Fehldiagnosen bei ADHS?

Die Medien berichten derzeit verstärkt von einem dramatischen Anstieg von ADHS Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen. Politiker und Journalisten greifen derartige Schreckensbotschaften allzu gerne in polemischer Weise auf, um düstere Zukunftsszenarien auszumalen. Entspricht die mediale Darstellung der Thematik tatsächlich der Realität?

Wahlweise werden die Eltern, die Schule oder das gleich das gesamte entmenschlichte „System“ für die steigende Zahl derer verantwortlich gemacht, die an ADHS leiden; die teilweise notwendige Verschreibung wirksamer Psychopharmaka wird mit Anpassungsdruck und sozialer Kontrolle gleichgesetzt. Eine differenzierte Bestandaufnahme hingegen wird bei dieser erhitzten Diskussion konsequent vermieden. Dabei sollte die Zuverlässigkeit und Aussagekraft der ADHS-Diagnosen kritisch hinterfragt werden. Die Häufigkeit von Fehldiagnosen ist daher Gegenstand unseres Newsletters.

Oft wird vermutet, dass ADHS bei Kindern zu rasch diagnostiziert wird und eine sogenannte Überdiagnostizierung vorliegt. Erstmals wurde diesem Verdacht in einer Studie der Ruhr Universität Bochum und der Universität Basel nachgegangen. In der Tat bestätigen die Ergebnisse, dass ADHS insbesondere bei Jungen deutlich zu häufig von Ärzten und Therapeuten diagnostiziert wird.

Die Vermutung einer Überdiagnostizierung stützt sich im Wesentlichen auf die erhöhten Ausgaben für ADHS- Medikamente, die sich weltweit in den Jahren zwischen 1993 und 2003 verneunfacht haben (vgl. Scheffler et.al. 2007). Der gemeinsame Bundesauschuss (G-BA) reagierte bereits im Januar 2010 auf diese Entwicklung, indem beschlossen wurde, dass Methylphenidat nur noch von einem Spezialisten für Verhaltensstörungen verordnet werden darf (siehe dazu Newsletter Artikel „Höherer Schutz für Kinder bei der Verordnung von ADHS Medikamenten angestrebt“). Aufgrund dieser Entwicklung und der vorherrschenden Meinung, dass eine Überdiagnostizierung von ADHS zunimmt, stellten die Forscher der Studie die Hypothese auf, dass diagnostische Entscheidungen im Bereich psychischer Störungen insbesondere durch die Anwendung von Heuristiken verzerrt werden. Viele Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und -psychiater entscheiden dabei nach prototypischen Symptomen. Der Prototyp ist männlich und zeigt Symptome von motorischer Unruhe, mangelnder Konzentration oder Impulsivität. Die Nennung dieser Symptome löst bei den Diagnostikern in Abhängigkeit vom Geschlecht unterschiedliche Diagnosen aus.
Für die Studie wurden 1000 Kinder- und Jugendpsychiater und Therapeuten im Bundesgebiet angeschrieben. Sie wurden gebeten, einen von acht verschiedenen Fallberichten zu lesen, eine Diagnose nach ICD-10 incl. Angabe des Codes zu erstellen (z.B. F90.0) und dazu eine geeignete Therapie vorzuschlagen. Jeweils zwei der acht Fallberichte waren bis auf das Geschlecht identisch (4x männlich – Leon – und vier x weiblich – Lea). Nur einer der vier fiktiven Patientenberichte war mit Hilfe der Leitlinien und Kriterien so eindeutig und inhaltlich einwandfrei, dass eine ADHS diagnostiziert werden konnte – dies war Fallbericht 1. Die Rücklaufquote war mit 473 beantworteten Fallberichten ausreichend groß, um fundierte Aussagen zu erlauben.
Ergebnisse: Der Anteil der falsch positiven Diagnosen (ADHS Diagnose bei Fallbericht 2-4) lag bei 16,7%, der Anteil der falsch negativen Diagnosen bei 7% (andere Diagnose als ADHS in Fallbericht 1). Es zeigt sich, dass der Anteil der falsch positiven Befunde signifikant höher ist als der Anteil der falsch negativen Befunde (p=0,001; odds ratio=2,65). Aufgrund einer allgemeinen Unschärfe und mangelnden Zuverlässigkeit der ADHS Diagnostik kommt es also zu einer Verzerrung in Richtung „Überdiagnose“. Dies gilt besonders für Jungen. Hier lagen die Werte noch höher 21,8 % falsch positive Diagnosen vs. 6,6 % bei den Mädchen. Das legt nahe, dass insbesondere bei Jungen vorschnell eine ADHS Diagnose vorgenommen wird. Interessant war auch, dass man in der Studie eine deutlich signifikante Korrelation zwischen dem Geschlecht der beurteilenden Therapeuten und der Diagnosevergabe finden konnte. So diagnostizierten männliche Therapeuten signifikant häufiger eine ADHS als weibliche Therapeuten. Die von Experten und der allgemeinen Öffentlichkeit oft vermutete Überdiagnostizierung von ADHS hat sich in der Untersuchung deutlich bestätigt.
Bewertung: Die Zahl der Fehldiagnosen kann durch zuverlässige Diagnostik nachdrücklich reduziert werden. Ein wichtiges Hilfsmittel für eine verlässliche Diagnostik ist die Verwendung von strukturierten Interviews oder anderen Instrumenten zur standardisierten Befunderhebung wie beispielswiese das Diagnostik System für psychische Störungen im Kindes und Jugendalter nach ICD- 10 und DSM-IV (DISYPS-KJ, Döpfner u. Lehmkuhl 2000). Es wird deutlich, wie schnell man solch vorherrschenden Heuristiken zum Opfer fällt und wie wichtig es ist, genau hinzuschauen und auf Diagnoseinstrumente wie Beobachtung, Anamnese und Fragebögen zurückzugreifen. Auch die Hinzunahme von weiteren Beurteilungen aus den verschiedensten Bereichen des Betroffenen gewinnt unter diesem Aspekt an Bedeutung.

Quellen:
Bruchmüller K., Schneider S., (2012). Fehldiagnose Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom?  Empirische Befunde zur Frage der Überdiagnostizierung. Psychotherapeut (1) 2012, 77-89.

Döpfner G., Lehmkuhl U.,(2000) Diagnostik- System für Psychische Störungen im Kindes – und Jugendalter nach ICD-10/DSM-IY (DISYPS-KJ). Huber, Bern.

Scheffler R., Hinshaw S., Modrek S., et.al (2007) The global market for ADHD medications. Health AFF 26:450-457

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